humanmonitoring

Concept / Themenfindung

Diplomarbeit: Sebastian Glaeser | Prüfer Prof. Erich Schöls | Zweitprüfer Prof. Braun
UNIVERSITY OF APPLIED SCIENCES. WUERZBURG. 2006
Die Frage die sich nun stellt ist, wie will ich all diese Aspekte zusammenbringen! Ich beschäftige mich seit einiger Zeit mit systemtheoretischen Gedanken. Mit systemtheoretischen Modellen lässt sich mein Vorhaben recht gut beschreiben. Der Mensch als physische Gestalt besteht aus einer Vielzahl von Subsystemen von welchen viele in gegenseitiger Abhängigkeit oder in Abhängigkeit der umgebenden Umweltsysteme stehen, andere wiederum stehen in Interaktion wie beispielsweise unsere Sinne.
Alles zusammengenommen ergibt das individuelle System Mensch. Auf der Welt wiederum gibt es etwa 6.000.000.000 individuelle Mensch-Systeme, die auch untereinander Schnittmengen, beziehungsweise Abhängigkeiten bilden können. Jedes dieser Systeme setzt sich aus unterschiedlichen Daten zusammen, keines ist gleich. Ebenso existiert jeder Zustand eines Systems nur für den Augenblick - im nächsten sind die Daten auf dessen Grundlage es entstand verloren. Ich werde auf diese metaphorische Beschreibung meiner System-Idee später näher eingehen.

Nicklas Luhmann beschreibt die System / Umwelt Beziehung folgendermaßen:
Luhmann geht davon aus, dass das System stets eine geringere Komplexität als seine Umwelt im ganzen aufweist. Daraus ergibt sich die Konsequenz, dass Systeme nur in Relation zu ihrer Umwelt identifiziert, begriffen und gesteuert werden können, wobei ihre Bestandserhaltung von der Art und Weise der selbstreferentiellen Absorbtion von Umweltkomplexität also von Organisationsleistungen für die Selbsterhaltung des Systems Mensch abhängt.

Heinz von Foerster relativiert die Kausalitätsvorstellung eines Vorgangs in einem System. Nicht die aneinander gereihte direkte Beziehung von Ursache und Wirkung, der Kausalnexus (also in diesem Fall das Verhältnis "inneres menschliches System" zu "äußerem menschlichen System"), entspricht den meisten Naturvorgängen, sondern der Regel- oder Funktionskreis mit rückgekoppelten "Merkmalsträgern". Mit anderen Worten: Die Wirklichkeit ist ein vernetztes System, das man nur als verknüpftes Geschehen begreifen kann, in das die Einzelgeschehnisse eingebettet sind. Da sich wissenschaftlich nur Einzelgegenstände untersuchen lassen, müssen bei jedem Ergebnis immer die Bedingungen, das heißt die Vernetzungen in einem Gesamtsystem berücksichtigt werden (was die Grundlage der kybernetischen Theorie ist).

Ziel meiner Arbeit ist es, diese Systemdaten (welche genau, das wird der Prozess zeigen) zu speichern, und in eine Visualisierungsform zu bringen. Ablesbar soll nicht nur der individuelle Datenstrom des einzelnen Menschen sein, sondern möglicherweise in einem utopischen Szenario eine Vielzahl von Monitoren in ihrer Existenz nebeneinander oder Abhängigkeit. Die Möglichen Erkenntnisse sind hier noch kaum abzuschätzen. Für die Vorstellung will ich hier nur ein Bild skizzieren :
Man stelle sich vor, alle Menschen einer Stadt hätten ein Humen Monitoring System. Die entstehenden Daten werden zentral gespeichert und nach den gewünschten Parametern visualisiert. Was wäre, wenn ich dem System eine Karte  errechnen lassen würde die zeigt, wie hoch die Stressverteilung in der Stadt ist - und ich diese vielleicht noch in Echtzeit ablaufen lassen könnte. Oder, um einen äußeren Einfluss zu nennen, die Darstellung der Strahlenbelastung in einem Gebiet (das Individuum als mobiler Sensorenträger)... . Ich will dieses Bild an dieser Stelle erstmal so für sich stehen lassen.
Für die Visualisierungsform dieses Szenarios habe ich auch schon erste Bilder im Kopf, die ich hier am Anfang vielleicht am besten metaphorisch beschreibe. Die vierte Datendimension des Menschen umgibt ihn wie eine Aura. Dies ist die vorhin schon beschriebene Momentaufnahme des Systems Mensch. Diese Daten sollen in Zusammenhang mit der Verortung des Menschen, also in seinem zeitlichen und örtlichen Verlauf visualisiert werden. Physikalisch ausgedrückt wär es die visualisierte Raumkrümmeng des Menschlichen Systems, was bedeutet: wäre die Visualisierung in ein AR-Tool eingebunden, so könnte der Mensch durch Rückblick seinen eigenen Systemverlauf verortet und verzeitlicht ablesen.

Die Visualisierung macht somit, als manifestiertes Produkt der Raumkrümmung, eine systemische Verganenheitsreise möglich. (Diese Metaphern dürfen allerdings nur als Bilder einer "Maximalen Utopie" verstanden werden, was die Speicherung aller nur denkbaren Daten implizieren würde). Der sich um den menschlichen Körper bildende systemimmanente Raum ist dann nichtmehr nur ein statischer Moment der Gegenwart, sondern ein gespeicherter Ablauf. Der Konstruktivismus würde diese Momentaufnahmen wohl als maximal komplex bezeichnen, da sie eine Momentaufnahme aus unendlich vielen örtlichen und individuellen Möglichkeiten ist. Der Raum ist in erster Linie nur von seiner Verortung abhängig, er befindet sich immer absolut zum eigenen System. Es existiert im grunde immer nur ein Raum für die Gegenwart, da sich der Vergangene außer in der Erinnerung nicht in irgendeiner Form abspeichert; der Raum der Zukunft ist nicht zu bestimmen. Bildlich gesprochen löst sich der eigene Systemraum hinter sich auf. Laut Fuller wird Raum lenensweltlich gefasst, er ist nur im Zusammenhang mit Menschen existent und gewissermaßen eine anthropologische Größe.

Man könnte natürlich den Raum laut der rationalistisch-mathematischen Philosophie auch als gleichförmigen geometrischen Behälter bezeichnen, der mit den Werten seiner Systeme gefüllt wird. Man könnte auch noch weiter ausholen und Heidegger zitieren, der mir in diesem Zusammenhang wiedermal in die Hände gefallen ist: "...Wie zwischen der Zeitlichkeit als eine Strukturform des menschlichen Daseins und der Zeit als einem objektiven Verlauf zu unterscheiden ist, so muss auch hier zwischen dem Raum  mag es nun der erlebte oder der mathematische sein, das ist für diese Frage belanglos - und der Räumlichkeit unterschieden werden. Räumlichkeit ist eine Wesensbestimmung des menschlichen Daseins. Das ontologisch wohlverstandene Subjekt, das Dasein ist räumlich... es besagt, dass der Mensch in seinem Leben immer und notwendig durch sein Verhalten zu einem umgebenden Raum bestimmt ist...