humanmonitoring

Concept / Themenfindung

Masterarbeit: Sebastian Glaeser
UNIVERSITY OF APPLIED SCIENCES. WUERZBURG. 2006
Die virtuelle Realität als relativ neue Technologie revolutioniert unsere Gesellschaft dahingehend, vor allem weil sie anders zu speichen, zu übertragen, zu organisieren und zu selektieren erlaubt, also Wahrnehmung, Kommunikation und Wissen verändert. Schon abgesehen von einem immersiv erlebbaren Raum bietet das elektronische Medium Computer durch seine Multidimensionalität Möglichkeiten die im Bereich der Datenvisualisierung bei weitem noch nicht ausgeschöpft sind. In vielen Bereichen haben sich Pseudostandarts etabliert, die sich lediglich aus den gewohnten zweidimensionalen Medien ableiten. Unter Virtueller Realität im erweiterten Sinne versteht man die interaktive Darstellung und Exploration von dreidimensionalen Szenen oder Realitätssimulationen. Von Relevanz kann dabei die direktmanipulative Interaktion mit den Objekten der Szene sein, welche dem Benutzer ein möglichst realistisches Gefühl für den Dargestellten Inhalt vermittelt. In Fall von verorteter Datenvisualisierung könnte die Interaktion mit den Elementen der Darstellung allerdings eine untergeordnetere Rolle spielen - es geht vielmehr um ein anderes, intensiveres Erleben der visualisierten Werte, also um den immersiv bespielbaren Raum. Der Raum wird zum Medium. Der Mensch als dreidimensional sehendes Individuum kann oftmals dreidimensionale Darstellungen schneller und intuitiver erfassen als zweidimensionale Abstraktionen. Die Zahl an sich ist ja schon eine Abstraktion eines Wertes der den Zustand eines gewissen Objektes oder Vorganges beschreibt. Die verortete Visualisierung entnimmt der jeweiligen Darstellung schon einen großen Teil an Abstraktion. Eine nichtabstrakte Wertedarstellung wird es nie geben, da es nicht die eine Darstellung gibt. Man kann nur versuchen, eine dem Wert entsprechende und einer möglichen Korrelationsaussage förderliche Form zu finden welche es dem Betrachter erlaubt diese intuitiver zu analysieren und zu bewerten.

Zahlen und deren Werte bestimmen unser Handeln und Leben auf dieser Welt. Sie strukturieren sämtliche Systeme. Eine Zahl ist ein durch ein bestimmtes Zeichen oder eine Kombination von Zeichen darstellbarer, abstrakter Begriff. Sie wird benutzt, um eine Quantität zum Ausdruck zu bringen. Eine Welt wie wir sie heute kennen ist ohne sie nicht möglich. Dennoch hat deren Darstellung bei weitem nicht das exponentielle Wachstum erfahren wie die Maschinen welche sie errechnen.

Und das Tempo des Fortschritts beschleunigt sich weiter. Heute dauert ein Paradigmenwechsel nur ein paar Jahre. Das ganze World Wide Web, das jetzt schon tief in die Weltwirtschaft integriert ist, hat vor sechs Jahren nicht annähernd in seiner jetzigen Form existiert. Vor zehn oder elf Jahren hat es gar nicht existiert. Ray Kurzweil hat mathematische Modelle für dieses Tempo des Wechsels entwickelt. Laut ihm verdoppeln wir alle zehn Jahre die Geschwindigkeit, mit der sich Technik grundlegend verändert. Vor hunderten von Jahren war das Tempo des Wechsels so langsam, dass die Menschen ihn während ihrer Lebenszeit kaum bemerkten. Grundsätzlich erwarteten die Menschen, dass das künftige Leben mehr oder weniger genau so sein wird, wie es in der Gegenwart war. Dieser Zustand wurde durch die Industrielle Revolution zum ersten Mal durcheinander gebracht, als die Wirtschaftswelt der Weber und der englischen Textilindustrie auf
den Kopf gestellt wurde.
Das digitale Medium wächst meiner Ansicht nach schneller als sich die Welt darauf einstellen kann. Deshalb sind Modelle und Versuche Standardisierungen zu entwickeln zum Zeitpunkt der Entwicklung schon veraltet und müssen verworfen werden. Der Entwicklung digitaler Tools steht also scheinbar ein anderes evolutorisches Prinzip zu Grunde. Es gab schon zur vordigitalen Zeit viele Utopien und Ideen die aber meist in direkter Abhängigkeit der verfügbaren Technologie lagen. Ende der 80 Jahre gab es beispielsweise eine Zeit in welche das Schlagwort virtuelle Realität großen Wirbel erzeugte und jeder dachte in Zukunft mit Head Mounted Displays herumzulaufen. Doch die Euphorie ebbte schnell ab, da es einfach keine Anwendungen dafür gab, abgesehen von einer bezahlbaren entsprechenden Hardwarestruktur. Wir nähern uns nun meiner Ansicht nach einem Punkt in der Entwicklung wo viele Utopien verwirklicht werden könnten, da es die erforderlichen Resourcen bezüglich Hardware und auch Software gibt.
Die Welt in ihrem virtuellen Netz ist mittlerweile voll von der Realität bisweilen täuschend ähnelnden und imitierenden Computerspielwelten oder komplett künstlich geschaffenen virtuellen Subwelten wie second live  oder anderen, im wahrsten Sinne der Thematik, unreal anmutende Plattformen. In meiner Arbeit geht es aber um den Menschen in unserer Realen Welt  ein Schritt der in der digitalen Entwicklung und Virtualisierung nicht ausgelassen werden kann und darf.

Durch unser weltweit vernetztes Wissen, das 1962 mit der Idee einer universellen Kommunikation mit dem Arpanet begann, steigt das Potential digitaler, virtueller Tools in vorher ungeahnter Weise. Die Strukturen für eine optimierte Verarbeitung von Daten sind also vorhanden. Obwohl vernetzt, sind sie doch oft Fraktalen im Gesamtgefüge welche durch kluge Verknüpfung und Visualisierung neue Möglichkeiten eröffnen würden.
Wenn es um menschliche, personenbezogene Daten geht spielt eine ethische in Frage Stellung eine wichtige Rolle. Das Verarbeiten dieser Daten erfordert möglichweise die Anbindung an diverse Netzwerke. Abgesehen von allen möglichen Sicherheitstechniken sind es persönliche Daten die vorhanden und gespeichert werden und somit ein Risiko der Wahrung von Persönlichkeitsrechten darstellen könnten. Man stelle sich die Utopie einer globalen Personendatenbank auf der Grundlage meines angedachten Systems vor. Es könnten sowohl flächig als auch punktuell und persönlich Rückschlüsse gezogen werden und Handeln jedweder Art auf Grundlage dieses Wissens erfolgen. Man sollte sich dieser Verantwortung bewusst sein, aber sich im Rahmen der Forschung nicht von dieser abhalten lassen. Denn möglicherweise erübrigen sich ethische Fragestellungen im Verlauf solcher Entwicklungen durch technische oder sogar soziale Veränderungen von selbst.

Foucault machte sich in seinem Werk Die Ordnung der Dinge  Gedanken, über die Installation der kulturellen Ordnungen, räumlich und zeitlich, und damit die Ausdrucksmodalität, welche das Denken und das Handeln der Menschen bestimmen. Foucaults sagt: Sprache und Malerei verhalten sich zueinander irreduzibel: vergeblich spricht man das aus, was man sieht: das, was man sieht, liegt nie in dem, was man sagt; und vergeblich zeigt man durch Bilder, Metaphern, Vergleiche das, was man zu sagen im Begriff ist. Der Ort, an dem sie erglänzen, ist nicht der, den die Augen freilegen, sondern der, den die syntaktische Abfolge definiert. Das Problem ist, dass gewissermaßen keine Wahrnehmung ohne Interpretation möglich ist. Wie aber lässt sich nun über den Signifikanten sprechen, was ist das Bezeichnende und wer definiert das? Wer bestimmt, was die menschliche Natur ist - nicht nur in dem Sinn, wie der Mensch seinen Körper wahrnimmt, sondern wie der Mensch überhaupt sich selbst thematisiert. Nun stellt sich die Frage wie sich diese Strukturen im virtuell simulierten Realraum verhalten. Welche Rolle könnte dieser spielen?

Ist er Dimensionserweiterung und liefert somit einen weiteren Raum von dreidimensionalen Bildern, Metadaten und Metaphern? Die Möglichkeit einen dreidimensionalen Raum, sei er nun real oder virtuell simuliert, beliebig mit Informationen, Zeichen und Daten zu bespielen liefert ganz neue Möglichkeiten des Sehens, der Kommunikation und Interpretation. Deshalb ist diese Zeichenebene so neu für uns obwohl sie so nahe an unseren Gewohnheiten liegt. Darin liegt wohl auch die Schwierigkeit aus einer unendlich scheinenden Möglichkeit der Darstellung des menschlichen Datenraums im virtuellen Medium die richtige Sprache zu entwickeln.